Zitate zum Nachdenken

1. Januar 2020 0 Von Madita E. Heubach

„Man sieht, das Gewissen der Menschheit liegt in tiefem Schlaf. Gegenwärtig geht der zivilisatorische Fortschritt keineswegs mit dem persönlichen Hand in Hand: Er entspringt nicht der Flamme des menschlichen Geistes, er ist das Werk einer fühllosen Maschine, die von äußerer Kraft getrieben wird. Seine Triebkraft, eine ungeheure unpersönliche Macht, kommt aus der äußeren Welt, aus der Gesellschaft im Ganzen und die funktioniert unerbittlich. Immer vorwärts, immer geradeaus!
Die menschliche Gesellschaft ist wie ein ungeheurer Eisenbahnzug, der in schwindelndem Tempo einem entfernten Punkt entgegensaust, und die Individuen, aus denen sie besteht, lassen sich mit den eingenickten Reisenden in den einzelnen Abteilen vergleichen. Jener Schlaf des Gewissens ist das mächtigste Hindernis auf dem Weg zur besseren Lebensgestaltung, zur befreienden Wahrheit.
Wäre dieses Hindernis nicht, so könnte die Welt raschere Fortschritte machen; dann gäbe es auch nicht den gefährlichen Gegensatz zwischen der immer größeren Geschwindigkeit der materiellen Transportmittel und der immer tiefer greifenden Erstarrung des menschlichen Geistes. Der erste Schritt, der bei jeder auf den kollektiven Fortschritt abzielenden Bewegung auch der schwierigste ist, besteht in der ungeheuerlichen Aufgabe, die eingeschlafene, empfindungslose Menschheit aufzurütteln, sie dazu zu zwingen, dass sie auf die mahnende Stimme hört. Es ist heute unerlässlich, dass die ganze menschliche Gesellschaft sich des Kindes und seiner Bedeutung erinnert, dass sie ihm schnellstens zu Hilfe kommt und es aus der großen gefährlichen Leere herausholt. Diese Leere muss sich füllen, es muss eine kindgemäße Welt aufgebaut werden dadurch, dass man die sozialen Rechte des Kindes anerkennt. Das schlimmste Vergehen der menschlichen Gesellschaft ist, dass sie das Geld vergeudet, das sie ihren Kindern zugute kommen lassen müsste, ja, dass sie dieses Geld darauf verwendet, die Kinder und sich selbst zugrunde zu richten.“

(Montessori, Maria (2018): Kinder sind anders – Kinder fordern uns heraus. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 296f)