Resonanz

Resonanz

22. Mai 2024 0 Von Madita Hänsch

Aus „Bildung 4.0 – Eine Vision für den systemischen Wandel„, von Madita Hänsch

Die Resonanztheorie stammt von Soziologe Hartmut Rosa, der damit nach eigener Auffassung der Tradition der Kritischen Theorie und Erich Fromm steht und seine Theorie als Alternative zum Konzept der Entfremdung sieht:

Meine These ist, dass es im Leben auf die Qualität der Weltbeziehung ankommt, das heißt auf die Art und Weise, in der wir als Subjekte Welt erfahren und in der wir zur Welt Stellung nehmen; auf die Qualität der Weltaneignung.

 Rosa, Hartmut (2018): Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp Verlag. S. 19.

Hat der Mensch vorrangig positive Beziehungen zur Welt, ist er eher zufrieden (= erfolgreich), als wenn sein Leben von negativen Beziehungen dominiert wird. Inwiefern sich eine Beziehung als positiv oder negativ bewerten lässt, beschreibt Rosa wie folgt:

Die jeweilige Weltbeziehung lässt sich nicht über die Art der Tätigkeiten oder die Objektbereiche per se bestimmen, sondern nur über eine Analyse der jeweiligen Welthaltung und Welterfahrung. Ob es zur Ausbildung und Aufrechterhaltung konstitutiver Resonanzachsen kommt oder nicht, hängt zum Ersten von den (körperlichen, biographischen, emotionalen, psychischen und sozialen) Dispositionen des Subjekts, zum Zweiten von der institutionellen, kulturellen und kontextuellen sowie auch von der physischen Konfiguration der jeweiligen Weltausschnitte und zum Dritten von der Art der Beziehung zwischen diesen beiden ab. Selbst tendenziell lebensfeindliche Weltausschnitte wie eine Wüste, eine Schneelandschaft oder eine Tankstelle können unter bestimmten Bedingungen zu genuinen Resonanzoasen werden. Entfremdung im Sinne stummer, kalter, starrer oder scheiternder Weltbeziehungen ist dann das Ergebnis beschädigter Subjektivität, resonanzfeindlicher Sozial- und Objektkonfigurationen oder aber eines Missverhältnisses beziehungsweise eines fehlenden Passungsverhältnisses zwischen Subjekt und Weltausschnitt. Damit versucht die hier avisierte Soziologie der Weltbeziehung das Problem ungerechtfertigter Essentialisierungen zu überwinden: Es bedarf keiner substanzialistischen Annahmen über das wahre Wesen der menschlichen Natur, um Aussagen über das Gelingen oder Misslingen des Lebens machen zu können; vielmehr kann dieses Wesen als historisch und kulturell ebenso wandelbar akzeptiert werden wie die soziale und kulturelle Ein- und Ausrichtung der Welt. Weltbeziehungen erweisen sich demnach als historisch und kulturell variable Gesamtkonfigurationen, die nicht nur ein bestimmtes Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt definieren, sondern die de facto jene Subjekte und Objekte selbst mit hervorbringen. Die angestrebte Soziologie der Weltbeziehungen erscheint daher als eine Kritik der historisch realisierten Resonanzverhältnisse – und damit, so hoffe ich, als eine modifizierte und erneuerte Form der Kritischen Theorie.

 Rosa (2018): S. 35f.

Um es etwas umgangssprachlicher zu formulieren: Meine Haltung und Wahrnehmung der Welt bestimmt, ob ich sie als positiv oder negativ bewerte. Dabei sind die Faktoren, die diese Bewertung beeinflussen, höchst individuell und abhängig von meinen Erfahrungen und meinem Wissen. Das einfachste Beispiel hierfür ist der Geschmack. Habe ich eine Vorliebe für Spaghetti mit Tomatensauce, dann resoniert das Erlebnis, dieses Gericht zu essen, entsprechend positiv mit mir und je öfter ich mir erlaube, meinem Geschmack zu folgen und dieses (oder andere) Lieblingsgerichte zu kochen, desto zufriedener macht mich das. Wenn ich jedoch mit jemandem zusammen lebe, der dieses Gericht nicht gern isst, dann wird diese Person umso unzufriedener, je öfter sie es essen muss. 

Aber diese Person könnte gleichzeitig unzufrieden über das Gericht sein und zufrieden darüber sein, dass es mich glücklich macht. (Nur um trotz des einfachen Beispiels nicht zu vergessen, wie komplex wir Menschen sind.)

Quelle: pixabay.com

Ganz im Sinne von Erich Fromm verfolgt die Resonanztheorie den Ansatz, dass das Leben im Sein dem Wesen des Menschen natürlicherweise entspricht und das Leben im Haben (welches nach Fromm eine unnatürliche Lebensweise ist) unnatürlich sei: 

Zentral ist die Idee einer Differenz zwischen gelingenden und misslingenden Weltverhältnissen, die sich nicht am Ressourcen- oder Verfügungsreichtum und auch nicht an der Weltreichweite festmachen lässt, sondern am Grad der Verbundenheit mit und der Offenheit gegenüber anderen Menschen (und Dingen) darüber hinaus natürlich für das Denken Erich Fromms – nicht nur, aber auch in Haben oder Sein.

 Rosa (2018): S. 53.

Resonanz entsteht demnach erst, wenn ich eine Verbindung zu jemandem oder etwas habe. Der Begriff Resonanz, der seinen Ursprung in der Physik hat (vgl.  Resonanz – Wikipedia [02.11.2023]) und das Mitschwingen eines Systems beschreibt, ist hierbei bewusst gewählt. Rosa geht davon aus, dass eine Beziehung dann resonant ist, wenn die Subjekte miteinander in ein dynamisches Interaktionsgeschehen geraten, dessen Natur prozesshaft ist (vgl.  Rosa (2018): S. 55.). Er führt weiter aus, dass erst die Resonanzerfahrungen ermöglichen, das Selbst auszuprägen und soziale und emotionale Intelligenz zu entwickeln:

dass es sowohl neuronale als auch psychologische und psychosoziale Hinweise darauf – oder sogar Belege dafür – gibt, dass menschliche Subjekte sich in ihrem Handeln nicht nur nach Resonanzerfahrungen sehnen und vor Entfremdungserfahrungen fürchten, sondern dass es Resonanzbeziehungen sind, welche erst Subjektivität und Sozialität ermöglichen.

 Rosa (2018): S. 72.

Auf diesen Zusammenhang bezieht sich auch Bauer, wenn er beschreibt, wie das menschliche Selbst entsteht:

In Säuglingen und Kleinkindern komponiert sich ein Selbst, dessen Themen von ihren Bezugspersonen über Resonanzvorgänge in sie hineingelegt wurden. Je weiter wir heranwachsen und persönlich reifen, desto mehr wird das Selbst zu einem Akteur, der mitspricht und beeinflusst, was mit ihm geschieht. Wir entwickeln ein Gefühl, das uns spüren lässt, welche an uns herangetragenen Angebote zu uns passen und zu einem stimmigen Teil unseres Selbst werden können, und welche unserer Identität Gewalt antun würden. Der Mensch ist das einzige Wesen, das sich an der Konstruktion seiner selbst – und seines Selbst – beteiligen kann.

 Bauer (2019): S. 8.

Tatsächlich entdeckte die Neurowissenschaft die sogenannten Spiegelneuronen. Spiegelneuronen zeigen beim Betrachten von Vorbildern dieselben Aktivitätsmuster wie bei der eigenen Ausführung der beobachteten Handlung. Anders gesagt, die Spiegelneuronen bilden dasselbe Aktivitätsmuster ab, das sich bei der Person abbildet, die die Handlung tatsächlich ausführt, während die andere Person ihr dabei zusieht. Die Zusammenhänge zum Lernen und zu Phänomenen wie Empathie sind naheliegend. Ebenso zur Resonanz. (Es stellt sich die Frage, ob diese Neuronen nicht eher Resonanzneuronen genannt werden sollten.) 

Ein Körper gerät ins Mitschwingen, wenn das Schwingen des anderen Körpers dieselbe Frequenz trifft, durch die das Schwingen des zweiten Körpers aktiviert wird. Im sozialen Miteinander spricht man auch davon, dass zwei Menschen “auf einer Wellenlänge” sind. 

Indem die Handlung der Person, die ich beobachte, meine Spiegelneuronen aktiviert, entsteht eine Resonanz zwischen uns. Wenn ich diese Erfahrung mit einer positiven Emotion verknüpfe, bewerte ich unsere Beziehung als positiv. Mein Bedürfnis nach Verbundenheit motiviert mich dazu, diese Beziehung weiter zu pflegen. Dafür setze ich meine sozialen Fähigkeiten ein. Je positiver unsere Beziehung ist, desto stärker unsere Verbindung und damit steigt das Resonanzpotenzial unserer Beziehung. 

Inwiefern beeinflusst dieses Phänomen den Lernerfolg?

Bildungsprozesse, durch welche sich kulturelles Kapital vermehrt, scheinen ganz grundsätzlich auf die erfolgreiche Etablierung von Resonanzbeziehungen (zwischen Schülern und Lehrerinnen und/ oder zwischen Lernenden und Gelerntem) angewiesen zu sein, weil sie nur dort gelingen, wo die (interaktive) Anverwandlung von Weltausschnitten erfolgt.

 Rosa (2018): S. 58.

Wo Verbindung und Beziehung, da ist auch Resonanz. Die Anerkennung dieses Phänomens ermöglicht es uns, Strategien zu entwickeln, um Beziehungen dahingehend zu gestalten, dass die Resonanz positiv ist und damit den Lernprozess zusätzlich fördert. 

Das vollständige Buch ist hier kostenlos abrufbar: https://docs.google.com/document/d/15bTj8qyzC0HLpzr6ETigBSrhdXqIsEUIkW0uQKB5z8w/edit?usp=sharing