Der Raum des Spiels

Der Raum des Spiels

17. Juni 2024 0 Von Madita Hänsch

Aus „Bildung 4.0 – Eine Vision für den systemischen Wandel„, von Madita Hänsch

Beim Spielen lernen wir. Das Spiel ist die ursprünglichste Form des Lernens. Hier erproben wir uns. Wir verwandeln uns, spiegeln uns, und erforschen unsere Identität. Im Spiel testen wir unsere Grenzen, erobern uns neue Räume und trainieren vielfältige Fähigkeiten. Besonders zu Beginn unserer Lebens- und Lernreise ist das freie Spiel von großer Bedeutung. Hier bestimmen wir die Regeln, in denen wir uns bewegen. Wir entfalten unsere Kreativität und schulen unsere soziale und emotionale Intelligenz. Der Raum des Spiels ist ein unerschöpflicher Potenzialraum für erfolgreiches Lernen. 

Spielen heißt, das zu tun, was notwendig ist, aber selbst darüber zu entscheiden, wie es getan werden soll. Die Notwendigkeit in ihrer Umsetzung zu verändern, zu verwandeln, neu auszurichten, mit anderen zu teilen. Spielen heißt, mit der Welt zu arbeiten, wie sie ist, nicht wie wir sie gerne hätten oder wie wir sie zu sein zwingen – sondern so mit ihr zu arbeiten, wie es unserem Bedürfnis entspricht. Spielen hat so den grundlegenden Charakter einer gelingenden Beziehung: Es verwandelt das eine durch das andere und erschafft etwas Neues, in dem beide enthalten sind. Wie die Poesie. Wäre das nicht – abgeschaut am Bedürfnis der Kinder, sich die Welt neu zu erschaffen, und an ihrer Sehnsucht, dass wir diesen Erschaffungswunsch und ihre Kraft, ihn zu realisieren, anerkennen-, wäre das nicht zugleich eine brauchbare Definition des erwachsenen Ichs? […] Spielen erschafft Wirklichkeit – freilich nicht durch Kontrolle. Sondern als Geschenk.

 Pohl, Gabriele (2014): Kindheit – aufs Spiel gesetzt – Vom Wert des Spielens für die Entwicklung des Kindes. Berlin Heidelberg: Springer Spektrum. S. X.

Während aktuell für die meisten Kinder die Räume des Spiels plötzlich stark eingeschränkt werden, sobald ihre Schulzeit beginnt, entdecken die Erwachsenen unter dem Schlagwort “Gamification” das Spiel gerade für sich neu. 

Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, zu spielen. Auch wenn der Drang mit zunehmendem Alter abnimmt, geht er uns doch nie völlig verloren. Zurecht, denn das Spielen ist ein natürlicher Weg, um zu lernen und sich zu entwickeln. Es ist in unserer Natur, dass wir uns ein Leben lang weiterentwickeln möchten.

Quelle: pexels.com

Bildung 4.0 bedeutet, freies Spiel von Beginn bis Ende der Lebensreise in Lernräumen Platz zu gewähren und all dieses Potenzial nutzbar zu machen, um erfolgreiches Lernen aktiv zu fördern. 

Dabei müssen wir den Kindern helfen und ihnen altersgerechte und bedürfnisgerechte Spielräume anbieten. Denn das Spiel im frühkindlichen Alter profitiert nicht von dem Einsatz digitaler Medien. Im Gegenteil. In dieser sensiblen Phase ist das Kind darauf angewiesen, durch die Stimulation seiner Spiegelneuronen sein Selbst zu entfalten, durch den Einsatz seines Körpers sein Körperbewusstsein auszubauen und seine motorischen Fähigkeiten und Sinne zu stärken. Es ist darauf angewiesen, in der realen Welt anzukommen und sich hier mit seinen Bezugspersonen zu verbinden.

Für seine Entwicklung in den ersten Jahren, aber auch später, benötigt das Kind nicht nur stabile Beziehungen und eigene Zeiträume für seine Entfaltung, sondern auch Lebens- und Entwicklungsräume im Sinne von Seelenräumen. Gemeint ist der seelische Raum, der Schutz und Halt bietet, einmal durch sinnvolle, am Wohl des Kindes orientierte Grenzsetzung vonseiten der Erwachsenen, aber auch durch Familienrituale, durch Struktur und Rhythmus. Der Seelenraum ist gleichzeitig Entfaltungsraum, indem der Erwachsene Wärme, Zuwendung, Anteilnahme und Spielraum gibt. Der Erwachsene ist hier auch aufgerufen, in diesem Raum die für das Kind in seiner jeweiligen Entwicklungsphase nötige Nähe, aber auch die nötige Distanz herzustellen. Insbesondere die Frage, wie viel Raum das Kind für sich braucht und wie es sich diesen schafft, verlangt viel Einfühlungsvermögen seitens des Erwachsenen. Die Abgrenzungsversuche werden oft krisenhaft erlebt. Sie sind immer Kennzeichen neuer Entwicklungsstufen und nicht nur eminent wichtig gegen Ende der Kindheit, wenn das Kind lernen will und muss, sich von seiner Umwelt, vor allem aber von den Eltern zu lösen und die ersten Schritte in die Eigenverantwortung und Selbstbestimmung tut.

 Pohl (2014): S. 26f.

Mit zunehmendem Alter gewinnt das Spiel Bedeutung, um sich abzugrenzen, neue Identitäten auszuprobieren und die eigenen Grenzen zu erkunden. Doch auch hier sind die Lebens- und Lernbegleiter:innen gefragt, die Jugendlichen vor einem Überkonsum virtueller Spielräume zu schützen. Denn so viele Vorteile diese scheinbar unendlichen Räume auch bieten, können sie nicht alles ersetzen, was uns die realen Erfahrungsräume bieten. Allen voran die Beziehungen zu anderen, aber auch die Auseinandersetzung mit den inneren Gefühlswelten (vgl.  Pohl (2014): S. 57.).

Quelle: pexels.com

Es geht im Großen und Ganzen darum, die wachsende Datenlage anzuerkennen, dass digitale Medien und virtuelle Spielräume eine Reihe von Vorteilen gegenüber der realen Welt bieten können – sie aber nicht vollständig ersetzen können. Das heißt, wir brauchen ein ausbalanciertes Maß für die Nutzung realer und virtueller Spiel- und Entfaltungsräume, um alters- und bedürfnisgerecht das beste aus beiden Welten zu nutzen, um solche Lernräume gestalten und anbieten zu können, die das Lernen erfolgreich fördert. Denn: 

Immer dort, wo Kinder mit einem Ding konfrontiert werden, dessen Ergebnis bereits feststeht, erstickt man ihre Kreativität. Immer dort, wo Kinder von sich aus Einfälle haben, die sie frei umsetzen können, oft in einem großen Wurf, ohne dem Gestalteten Ewigkeitscharakter geben zu wollen, kann sich etwas entfalten, das neu, häufig überraschend und schön sein kann. Nie aber ist ihr Tun in diesem Sinne so wahrhaftig wie in der Natur.

 Pohl (2014): S. 135.

Neben den Räumen zum freien Spiel, die wir den Kindern jeden Tag zur Verfügung stellen, wie können wir die Vorteile des Spiels in formellere, geplante Lernumgebungen integrieren? Indem wir uns entsprechender Methoden bedienen, die bereits zuhauf entwickelt und erfolgreich getestet wurden, hier folgen ein paar der bekanntesten:

  • Forschungslabore und Experimente (z.B. Haus der kleinen Forscher)
  • Schauspiel und Rollenspiel (z.B. Theater-AGs)
  • Kreatives Schreiben
  • Freies Musizieren
  • Freies Malen
  • Handwerkliche Künste wie Upcycling
  • Lego Education
  • Minecraft und Roblox
  • Content Creation mit modernen Medien (z.B. Blogs, Vlogs, Podcasts)
  • phänomenorientiertes und projektbasiertes Lernen
  • Escape-Rooms
  • FREI DAY
  • u.v.m.

Das vollständige Buch ist hier kostenlos abrufbar: https://docs.google.com/document/d/15bTj8qyzC0HLpzr6ETigBSrhdXqIsEUIkW0uQKB5z8w/edit?usp=sharing