Bildungsblog

Willkommen auf meinem Bildungsblog!

Hier lade ich meine Artikel zum Thema Bildung hoch, die ich, regelmäßig inspiriert von Ereignissen oder Erkenntnissen aus der eigenen Forschung verfasse.

Es braucht einen radikalen Neuanfang – Interview mit Dr. Christoph Schmitt

Veröffentlicht am 23. Mai 2019

Dr. Christoph Schmitt ist Blogger, Lerncoach und Bildungsdesigner. Auf lebendiglernen.ch setzt er sich mit bildungspolitischen Themen auseinander, übt Kritik am Bildungssystem und gibt wichtige Impulse für neue Bildungskonzepte. Da er mich mit seinen Artikeln laufend inspiriert, bat ich ihn für meinen Bildungsblog um ein Interview:

Herr Dr. Schmitt, wie definieren Sie Bildung?

Definitionen sind Abgrenzungen. Bei Bildung fällt mir diese Abgrenzung oder Unterschiedsbildung besonders ins Auge, wenn ich sie von der Ausbildung unterscheide: Ausbilden können und tun uns Andere. Bilden können wir uns nur selber.

Das Wort Bildung, als solches ja nur im Deutschen vorhanden, ist etwas, das sich völlig unterscheidet von Tätigkeiten, die andere Menschen mit oder an uns vollziehen – z.B. Erziehung. Erziehung ist etwas, was andere mit uns tun. Wir werden erzogen. Aber Bildung gibt es im Verb nur rückbezüglich: sich bilden. Ich kann dich nicht bilden. Niemand kann jemand anders bilden. Bilden kann ich mich nur selber. Es ist also eine ganz fundamental selbstbestimmte, selbstgesteuerte, self-directed Aktivität eines Menschen, der sich entfaltet, der sich im Dialog, im Austausch, in der Begegnung mit der Welt, im Entdecken, im Vertiefen, im Scheitern, neu Anfangen, etc., sich bildet, als Persönlichkeit, als Mensch. So definiere ich Bildung.

Bildquelle: Dr. Christoph Schmitt

Bildung hat also für mich nichts zu tun mit gebildet sein, im Sinne von viel wissen – sondern Bildung ist für mich Selbstartikulation des Menschen. Und das ist alles als Potenzial, als Ressource und als Fähigkeit im Menschen angelegt. Was wir tun können, um Bildung zu unterstützen, ist, dass wir den Menschen alles zur Verfügung stellen, damit sie sich selbst bilden können. Das ist für mich ganz entscheidend. Bildung ist etwas, das ein Mensch mit sich selbst tut.

Dazu empfehle ich einen Artikel von Peter Bieri, „Wie wäre es, gebildet zu sein“. Auf den Artikel beziehe ich mich, wenn ich über Bildung spreche.

Welche Bildungsvision verfolgen Sie?

Ich habe eine Vision, die damit beginnt, dass ich nicht mehr von Bildung sprechen möchte, sondern von Lernen – nicht mehr von Education, sondern von Learning und nicht mehr von Bildungseinsrichtungen, sondern von Learning Communities. Ich denke, dass wir uns, angesichts der riesigen Herausforderungen vor denen wir stehen – sozial, ökonomisch und was das Klima betrifft, Migration, Zukunftsvisionen, digitale Transformationen, Neuerfindung von Arbeit, womöglich ganz neue Arbeitsmodelle; diese volatile, unsichere, überkomplexe, ambiguitive Welt – dass wir von diesen Vorstellungen von Bildung Abschied nehmen müssen, um eine neue Vision zu entwickeln, die aber heißt: wie müssen Lernumgebungen geschaffen sein, in denen Menschen sich jene Kompetenzen aneignen, entwickeln und vertiefen, die sie brauchen, um zukunftsfähig zu werden?

Bildung will ich nicht mehr sagen. Wenn Bildung, wie oben skizziert, inzwischen immer eher um Inhalte geht, von bildungsnah und bildungsfern gesprochen wird, Allgemeinbildung, gut und schlecht gebildet – der ganze Mist, den sollten wir abhäuten, wie eine Schlange sich häutet. Und deshalb lass uns nicht mehr von dieser Bildung reden, sondern von Lernen. Vor allem, wenn es öffentlich wird, also wenn es um die Frage geht, wie soll das denn aussehen in Zukunft? Nicht, welche Bildungssysteme brauchen wir in Zukunft, sondern welche Lernumgebungen, welche kollaborativen Lernumgebungen? Sind das Co-Learning-Spaces? Das wäre für mich eine Vision.

Darüber habe ich den Blogartikel „Lernen in Netzwerken“ geschrieben. Dass wir echte Learning Communities bilden, wo Kinder, Erwachsene, lebenslang Lernende, Gelegenheit kriegen, Prozesse selber zu gestalten und sich selber mit der Welt und mit sich selber auseinanderzusetzen, alleine und in Teams. Es geht ums Entdecken, Probleme lösen und uns voranbringen. Es ist eine Vision von Learning Communities, von Discovering, von Exploring, von Serendipity, also sich auf Umwege wagen und ganz Neues entdecken und sich überraschen lassen.

Wie hoffen Sie, diese Vision erreichen zu können?

Ich bin jetzt seit vier Jahren intensiv in dieser Thematik unterwegs. Vorher war ich im alten Bildungssystem angestellt. In diesen vier Jahren ist mir klar geworden, dass diese Vision vor allem über die Vernetzung derer, die bereits in Ansätzen, oder seit vielen Jahren erfolgreich radikal neue Paradigmen für das Lernen erfunden und umgesetzt habe, erreichbar. Die Learnlife.com in Barcelona ist ein Beispiel; die Grundacher Schule in Sarnen, es gibt viele Schulen, auch weltweit. Ich denke, unsere Aufgabe ist es, all diese Initiativen, die seit Kurzem oder schon sehr lange zeigen, dass wir mit den neuen Lernparadigmen, mit den neuen Learning Communities, das alte Mind-Set von Beschulung, Unterrichtung, Bewertung, Gleichschaltung hinter uns lassen können. Dass wir hier uns vernetzen. Dass wir ein starkes globales Netzwerk bilden mit einer gemeinsamen Vision, mit gemeinsamen Zielsetzungen, die wir erreichen wollen, damit wir auch eine gewisse Stärke entwickeln gegenüber dem klassischen staatlichen monopolistischen Bildungssystemen, die auf der einen Seite mausetot sind, auf der anderen Seite aber nicht loslassen möchten.

Also, die Vision verwirklichen durch das Vernetzen der guten Initiativen, die es schon gibt. Wenn das dann dazu führt, dass sich immer mehr Menschen mutig auf den Weg machen und die Initiative, die Bewegung, stärker wird.

Wo sehen Sie die Stellschrauben, die Europas Bildungssystem verbessern könnten?

Ich sehe gar keine Stellschrauben, weil das Bild von den Stellschrauben finde ich ganz grauenvoll, denn es hat etwas mit einem mechanistischen Weltbild zu tun, mit Maschinen und Lernen und Bildung ist für mich ganz woanders. Das ist nichts, woran ich drehen kann, damit sich was verändert, weil wir es mit Menschen, mit Wachsen, mit Unvorhersehbarkeiten, mit Nicht-Messbarkeit zu tun haben. Europas Bildungssystem zu verbessern ist, denke ich auch, Hybris, also du kannst dieses System nicht verändern, weil es sich hier um Lebenszyklen handelt und die Lebenszyklen des klassischen Bildungssystems – ob es sich um Europa, oder Asien, oder Amerika handelt – sind vorbei.

Bildquelle: Dr. Christoph Schmitt

Ich denke, es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass wir Schulpflichten auflösen, dass wir Menschen ihre Autonomie zugestehen, was die Kernkompetenz des Lernens und des sich Entwickelns und sich Bildens und Entfaltens betrifft. Das ist ein wesentlicher Faktor, wo wir etwas wegfallen lassen, nämlich die Verpflichtung und anerkennen: Bildung ist keine Verpflichtung, sondern ein Recht. Menschen sollten autonom selbst entscheiden, wie sie dieses Recht wahrnehmen. Von daher finde ich Schulpflicht widerspricht allem, was einem humanistischen Weltbild entsprechen würde. Man muss dafür sorgen, dass Menschen niederschwellig vielfältigen Zugang zu Lern- und Bildungsmöglichkeiten haben, über die sie aber selber entscheiden und die sie selbstständig finden. Dass Menschen dort Lernen, wo sie arbeiten und lebenund dort arbeiten, wo sie lernen und leben und dort leben, wo sie arbeiten und lernen.

Was möchten Sie den Bildungsvisionären dieser Welt mit auf den Weg geben?

Denen, die wirklich schon die radikalen, subjektiven, träumerischen, konkreten Visionen haben, muss ich gar nichts mit auf den Weg geben, außer, dass ich die Daumen drücke. Und den Anderen, die sich als Visionäre verstehen, und doch dem Kaiser nur neue Kleider anlegen wollen, oder den alten Scheiß in neue Klamotten einhüllen, denen würde ich mit auf den Weg geben, dass sie endlich diesen Trauerprozess zulassen, diesen Prozess des Loslassens. Denn, das ist meine Erfahrung aus der Arbeit mit sterbenden und trauernden Menschen, das ist die erste Voraussetzung dafür, um überhaupt neu anfangen zu können. Damit ich realisiere, da ist etwas zu Ende gegangen, das lässt sich nicht reanimieren. Wir müssen uns eingestehen, das war mal wichtig und groß und gut, ist jetzt aber tot und vorbei. Und da braucht es Loslass-Prozesse, Sterbe-Prozesse, an deren Ende wir loslassen können. Das ist ein ganz normaler, menschlicher Vorgang. Dazu würde ich ermutigen wollen. Endlich das ernst nehmen und sagen: Schluss. Was müssen wir loslassen? Was an Gutem können wir mitnehmen, damit der Rucksack leicht bleibt, aber die Perlen nicht verloren gehen. Und sich schließlich darüber klar werden: Es braucht einen radikalen Neuanfang.

Mehr zu Dr. Christoph Schmitt: https://www.bildungsdesign.ch

Neue (alte) Grundsätze braucht Deutschlands Bildungssystem

Veröffentlicht am 17. Mai 2019

Noten hier, Prüfungen da, die Konsequenz: Bulimie-Lernen statt Bildung. So sieht der Schul- und Unialltag in einem Großteil der deutschen Bildungsinstitutionen aus. Leistung steht im Fokus, Entfaltung ist ein Fremdwort. Eine kleine Veränderung könnte jedoch Großes bewirken: Neue (alte) Grundsätze als Zielsetzungen für das Bildungssystem würden einiges ins Rollen bringen.

Wir haben schon vor geraumer Zeit erkannt, dass uns der Konsum nur in den Wahnsinn treibt und auf keinen Fall zu wahrem Wohl-Sein führt; dass uns der Leistungsdruck krank macht und nicht etwa zu unserem Optimum treibt; dass der Wettbewerb uns einsam macht und niemals unser wahres Potenzial aufdecken kann.

Dennoch wehren wir uns kaum. Vermutlich, weil wir es zwar erkannt, aber nicht verinnerlicht haben. Wir sehen, aber wir spüren die Gefahr nicht. Noch nicht. Oder etwa doch? Einige von uns spüren sie schon. Wenige spürten sie bereits, bevor die Dinge so richtig in Fahrt kamen. Und wer sie spürt, der kann unmöglich so weiter machen, wie bisher. Alles in ihm wehrt sich und kämpft um die Befreiung aus dem Hamsterrad. Doch wenn wir die Menschheit retten wollen, müssen wir jeden mobilisieren.

Ich bin abgeschweift. Zurück zu den Auswirkungen des Leistungskampfes auf unsere Kinder. Wir liefern sie diesem Kampf ab der ersten Klasse aus. Wir wollen sie stark machen, damit sie überleben. Die Evolution hat es bewiesen: Nur der Stärkste überlebt. Singular.

Falsch. Die Stärke liegt nicht in der Kraft eines Einzelnen. Die Stärke erwächst aus der Verbundenheit einer Vielfalt.

Quelle: pixabay.com

Doch wenn diese Erkenntnis bereits da ist, zum Greifen nahe, dass die Gier nach Leistung unmöglich der richtige Weg sein kann, warum tun wir unseren Kindern all dies nach wie vor an? Ist das noch verantwortlich? Verstößt dies nicht gegen unser grundlegendstes Gesetz?

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

(Artikel 1, GG)

Kennen wir den Begriff der Würde noch? Kennen wir das, was unsere eigene Würde ausmacht? Kennst du dich selbst gut genug, um zu wissen, was deine Würde ausmacht? Hast du jemals die Gelegenheit oder den Anstoß bekommen, um darüber nachzudenken? Wird eine Leistungsgesellschaft diesem grundlegenden Recht gerecht?

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

(Artikel 2, GG)

Können wir uns denn frei entfalten in einer Leistungsgesellschaft? Rennen wir nicht stattdessen den Anforderungen anderer hinterher? Können sich unsere Kinder in den Schulen und Universitäten dieses Landes frei entfalten? Rauben wir ihnen dieses Recht nicht, indem wir sie diesen Institutionen aussetzen?

Das deutsche Bildungssystem selektiert. Es bildet nicht. Es verlangt Leistung. Es gibt keinen Entfaltungsraum. Es gibt uns keinen Raum, unsere Würde zu finden.

Und das Bildungssystem ist der Spiegel unserer Gesellschaft.

Verändern wir doch mal den Fokus:

Weg von Leistung, hin zu Entfaltung.

Weg von Selektion, hin zu Entwicklung.

Weg von Bewertung, hin zu Reflexion.

Weg von Vergleichbarkeit, hin zu Chancengleichheit.

Welches Bild ergibt sich dann? Richtig, ein Bild von Würde.

Inspiriert von Gerald Hüther und seinem Buch „Würde: Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft

Von der Fehlervermeidung zur Fehleroffenheit im Bildungssystem

Veröffentlicht am 25. April 2019

Das Bildungssystem ist der Spiegel seines gesellschaftlichen Kontexts. Ihm ist die zentrale Funktion inne, die Gesellschaftskultur(en) zu replizieren. In einer Leistungsgesellschaft, dem die Fehlervermeidungsstrategie anhaftet, bedeutet dies, dass diese Strategie im Bildungssystem kultiviert und seinen Schützlingen antrainiert wird. Dabei gibt es eine deutlich erstrebenswertere Alternative: Die Fehleroffenheit.

Was ist ein Fehler?

Ein Fehler ist zunächst eine Handlung. Diese Handlung wird rückblickend bewertet und evtl. als ein Fehler eingestuft. Dabei bezieht sich diese Bewertung in der Regel auf die Differenzerfahrung von Erwartung und Ergebnis des Handlungsprozesses. Eine Handlung als einen Fehler einzustufen ist demnach zunächst eine harmlose Entscheidung. Schlichtweg eine Feststellung. Eingebettet in einen entsprechenden gesellschaftlichen Kontext kann diese Entscheidung jedoch weitreichende Folgen haben – je nachdem, welche Strategien im Umgang mit Fehlern dort kultiviert werden.

Quelle: pixabay.com

Unsere Leistungsgesellschaft basiert auf einem Versprechen: Je mehr man leistet, desto erfolgreicher ist man. Doch dieses Versprechen ist trügerisch. Es stützt sich mit der These, dass die Bewertung von erbrachten Leistungen anhand objektiver Maßstäbe vorgenommen wird und einem Sinn von Gerechtigkeit folgt. Dass es keine Objektivität hinsichtlich von Bewertungsprozessen gibt, ist offensichtlich und hinreichend belegt worden (siehe u.a. meine Hausarbeit „Die Zensur auf dem Prüfstand“, abrufbar auf www.madita-heubach.de/forschung). Noch absurder wird das gesamte Gebilde, blickt man auf all die Beispiele von Menschen, die vergleichbar wenig leisten und dennoch deutlich größeren Erfolg haben. Doch auch hier bemüht sich das Lügengerüst um Aufklärung: Nicht die Prozesse, sondern die Ergebnisse von erbrachten Leistungen werden bewertet.

Damit gerät das Individuum in einen Zugzwang. Um dauerhaft in dieser Leistungsgesellschaft bestehen zu können, muss es sich gewisser Fehlervermeidungsstrategien bedienen, um so energiesparend und effizient wie möglich zu Ergebnissen zu kommen, die eine hohe Bewertung und damit einen großen Erfolg versprechen.Diese Strategien werden in dem Spiegel der Gesellschaft, unserem Bildungssystem, mit höchster bürokratischer Effizienz kultiviert, indem die Kehrseite des Versprechens zum Credo wird: Wer weniger Leistung erbringt, dem steht dementsprechend nur geringerer Erfolg zu. Das heißt, wer Fehler macht, wird bestraft.

Quelle: pixabay.com

Wohin führt solch eine Fehlervermeidungsstrategie langfristig gesehen? Zu Erstarrung und Entwicklungsstillstand. Denn je stärker sich ein System darauf konzentriert, Fehler zu vermeiden, desto stärker fokussiert es sich auf einen schmalen Handlungsspielraum. Es fährt sich regelrecht auf Handlungsbahnen fest, die in der Vergangenheit den größten Erfolg brachten. Damit wird das System anfälliger gegenüber Veränderungen in seiner Umwelt – es verliert seine Anpassungsfähigkeit.

Die Alternative lautet: Fehleroffenheit. Diese Strategie zu verfolgen bedeutet, dass man eine Aufmerksamkeit für die Zusammenhänge und Prozesse kultiviert, die zu einem Fehler führen. Man begibt sich auf die Suche nach Fehlern, analysiert diese und eröffnet sich zwei Nutzungsmöglichkeiten: aus dem Fehler lernen oder ihn als eine innovative Alternative erkennen. Fehleroffenheit sorgt für Flexibilität und damit für die langfristige Stabilisierung eines Systems.

Bezogen auf unser Bildungssystem bedeutet dies: Wir dürfen die Schüler nicht länger für ihre Fehler bestrafen, sondern müssen Fehleroffenheit kultivieren und sie in ihren Fehlerkompetenzen fördern.

Die Details, wie solch eine Strategie aussehen kann, habe ich in meiner Hausarbeit diskutiert, die hier zum Download verfügbar ist.

Liebes Bildungssystem Deutschland

Veröffentlicht am 20. Februar 2019

Liebes Bildungssystem Deutschland,

du hast es erlaubt, dass ich viel zu jung Eintritt bekam. Mit fünf Jahren begann ich unter Tränen meine Schulzeit. Zwar fasste ich schnell Mut, fand Freunde, wovon mich eine bis heute begleitet, und fand Spaß am Lernen. Ich hatte Glück in deiner Lotterie

Ich gehörte zu den Kindern, die von ihren Eltern und Lehrern keinen unnötigen Druck erfuhren. Da die Noten von Beginn an gut waren, bekam ich von Anfang an stets Lob und Bestätigung. Doch auf einer Klassenfahrt in der dritten Klasse erfuhr ich ein Trauma.

Wir waren in St. Andreasberg. Wir waren dort mit einer anderen Klasse aus einer anderen Grundschule. Dort war ein Schüler krank mit Magen-Darm. Bald waren fast alle krank. Die Lehrerin verbot mir, meine Eltern anzurufen, obwohl ich solche Angst hatte und einfach nur nach Hause wollte, um von meinen Eltern in den Arm genommen zu werden. Es wurde mir verboten. Ich weiß bis heute nicht, warum. So verbrachten wir fünf Tage in der Jugendherberge. Schlaflose Nächte, wegen kranker Mitbewohner in meinem Zimmer. Aber das Programm wurde durchgezogen.

Aus den Augen eines Erwachsenen klingt das nicht allzu dramatisch. Aber für ein kleines Kind ist es traumatisch. Noch heute habe ich mit den Folgen zu kämpfen.

Am Ende der vierten Klasse eine weitere traurige Situation. Ich war verliebt und mein Freund durfte nicht mit mir aufs Gymnasium. Ich wollte zu ihm auf die Realschule. Meine Eltern erklärten mir, dass ich ihn trotzdem zuhause besuchen kann und wir Freunde bleiben können. Natürlich war es nur eine erste kindliche Liebe. Doch eine Freundschaft ging dadurch verloren. Denn wir verloren uns aus den Augen, dank der Dreigliedrigkeit des Systems, bin ich nur mit denen befreundet geblieben, die mit mir auf dasselbe Gymnasium kamen.

Dort startete ich zunächst gut in die nächste Stufe. Doch immer wieder geriet ich an Lehrer, die die Klasse nicht im Griff hatten und unzureichenden Unterricht hielten. Es gab viel Stundenausfall. Und obwohl an dieser Schule drei Schulformen unter einem Dach untergebracht waren, lernten wir schnell zu denken: „Die und Wir.“ Wieder ein Ergebnis deiner Dreigliedrigkeit.

Am Ende der achten Klasse entschied ich mich, die Schule zu wechseln, da mir klar wurde, dass ich hier nicht ausreichend gefördert wurde – mit dieser Entscheidung überraschte ich sogar meine Eltern. Sie ließen mich. Und meine Initiative steckte eine Handvoll Klassenkameraden an, die mir folgten.

Leider musste ich mit ansehen, wie meine damals beste Freundin nicht mehr mitkam. Mit jeder höheren Klassenstufe nahmen das Tempo und die Anforderungen Fahrt auf. Sie verlor bald den Anschluss. Sie verlor allen Mut und war bald davon überzeugt: „Ich bin keine gute Schülerin, ich werde nicht weit kommen.“ Sie gab sich auf. Ich versuchte sie zu ermuntern. Aber von den Lehrern erfuhr sie keine Unterstützung. Das System hatte sie aussortiert. Nach der elften Klasse gab sie auf.

Ich legte erfolgreich mein Abitur ab. Doch nachdem ich von der Schule befreit war und auf ein selbstständiges Leben zusteuerte, bemerkte ich, wie wenig ich eigentlich vom Leben wusste. So viele Kompetenzen waren verkümmert oder kaum ausgebildet worden. So große Unsicherheiten hatten sich in mir aufgestaut. So viel war auf der Strecke geblieben, während ich deinem Verlangen folgte, mich vollkommen auf das Erreichen guter Noten zu konzentrieren.

Heute erinnere ich mich kaum noch an die Fakten, die ich in der Schule gelernt habe. Das Rechnen, Schreiben und Lesen blieben hängen. Methodenarbeit blieb hängen. Projekte blieben in Erinnerung. Doch weder Gesetze der Physik, Mathematik, Daten aus Geschichte, Grammatikregeln, und vieles andere weiß ich heute noch.

Dennoch. Ich hatte Glück. Ich habe ein gutes Los in deiner Lotterie gezogen. Nicht zuletzt wuchs ich dank dem einen oder anderen Lehrer/in auf der neuen Schule nach meinem Wechsel, die wussten, wie sie mich fördern mussten. Doch andere blieben dabei auf der Strecke, denn so gut ein Lehrer auch sein mag, er hat nicht die Zeit, sich um alle zu kümmern.

Dies ist nur ein Ausschnitt. Ich könnte noch mehr Geschichten erzählen. Doch dieser Ausschnitt reicht schon, um mich so stark zu motivieren, dass ich alles daran setzen möchte, meine Kinder mal davor zu bewahren.

Es ist Zeit für etwas Neues.

Bye bye, Bildungssystem Deutschland. Du hast ausgedient.

#LiebesBildungssystemDeutschland

Was ist deine Geschichte?


Plädoyer für mehr Balance und Harmonie – Emotionale Intelligenz sollte fester Bestandteil jedes Curriculums sein

Veröffentlicht am 7. Februar 2019

Die Terminkalender der Psychologen sind voll, die Medien vermitteln ein Bild ansteigender Kriminalität und die Alten klagen zunehmend über das Verhalten der Jungen und den “Mangel an Erziehung”. Vermeintliche Experten beobachten eine Zunahme von Depressionen und Burn-Out sowie anderer psychischer Erkrankungen. Pädagogen fürchten eine Tendenz, nach der Kinder und Jugendliche immer schwieriger zu “handhaben” seien. Wir werden unglücklicher, kränker, zerstören den Planeten und dennoch zeigen Studien, dass wir immer älter werden.

Die “Experten” scheinen sich uneinig über Ursachen und Wirkungszusammenhänge und die Politik streitet sich, ohne der Wissenschaft Gehör zu schenken – währenddessen sammelt die Neurowissenschaft seit Jahrzehnten neue Erkenntnisse, die Hinweise auf die Zusammenhänge der in der Gesellschaft spürbaren Veränderungen geben könnten. Basierend auf der Lektüre von Gerald Hüther, Manfred Spitzer und David Goleman, werfe ich bewusst provokativ die folgende Hypothese in den Raum:

Eine mögliche Ursache für den allgemein herrschenden Mangel an Empathie, Selbstbeherrschung und Deutungsfähigkeit der eigenen Gefühlswelt sowie das Repertoire, mit den eigenen Gefühlen umgehen zu können, ist der Mangel an Aufmerksamkeit und Anerkennung der emotionalen Intelligenz in häuslicher Erziehung und institutioneller Bildung.

Was ist “emotionale Intelligenz”?

Die Intelligenz der Gefühle. Dazu gehören Fähigkeiten wie die, sich selbst zu motivieren und auch bei Enttäuschungen weiterzumachen; Impulse zu unterdrücken und Gratifikationen hinauszuschieben; die eigenen Stimmungen zu regulieren und zu verhindern, daß Trübsal einem die Denkfähigkeit raubt; sich in andere hineinzuversetzen und zu hoffen. Anders als der IQ, der seit fast hundert Jahren an Hunderttausenden untersucht wurde, ist die emotionale Intelligenz ein neues Konzept.”

(Goleman, 1997: 54)

Die Definition der emotionalen Intelligenz zeigt bereits, dass sie eben genau das beinhaltet, was der “Common Sense” der Gesellschaft aktuell vermisst und demnach bemängelt. Anders formuliert, befähigt eine hohe emotionale Intelligenz eine entsprechend hohe Ausprägung der folgenden Fähigkeiten: Selbstwahrnehmung der eigenen Emotionen, Emotionen handhaben, Emotionen in die Tat umsetzen, Empathie und Umgang mit Beziehungen. (Goleman, 1997: 65f)

Der Prozess ist einfach zu verstehen: Wenn man dazu in der Lage ist, seine eigenen Gefühle zu verstehen, kann man sie leichter handhaben und mit ihnen einen entsprechenden Umgang finden, sodass man sie sogar gezielt für den eigenen Erfolg einzusetzen weiß. Mit dem wachsenden Verständnis und der Handhabung der eigenen Gefühlswelt wächst auch das Verständnis für die Gefühle anderer, also die Empathie, und damit eine gewisse Beziehungsfähigkeit.

Klingt zunächst einfach und logisch, nicht wahr? Doch tatsächlich mangelt es in unserer verkopften Leistungsgesellschaft an Akzeptanz einer “Intelligenz der Gefühle”. Obwohl die Neurowissenschaft diese schon bestätigen konnte:

“Diese Schaltung zwischen präfrontalem Kortex und Mandelkern ist ein wesentlicher Aufbewahrungsort für die Neigungen und Abneigungen, die wir im Laufe unseres Lebens erwerben. Als Schnittstelle zwischen Tatsachen und Emotionen scheint eine ihrer Aufgaben darin zu bestehen, Assoziationen zwischen Tatsachen und Gefühlen zu speichern. (…) Erkenntnisse wie diese lassen Damasio zu der kontraintuitiven Auffassung gelangen, daß Gefühle normalerweise für Rationalität unerläßlich sind; sie weisen uns zunächst in die richtige Richtung, wo dann die nüchterne Logik von größtem Nutzen sein kann. Während die Welt uns oft vor kaum überschaubare Wahlmöglichkeiten stellt (…) schickt der emotionale Erfahrungsspeicher, den wir im Leben erworben haben, Signale aus, die die Entscheidungen vereinfachen, indem sie von vornherein gewisse Optionen ausschließen und andere hervorheben. In diesem Sinne, meint Damasio, ist das emotionale Gehirn am rationalen Denken genauso beteiligt wie das denkende Gehirn.”

(Goleman, 1997: 47f)

Jeder kennt dieses undefinierbare Gefühl, dass zuerst im Bauch auftaucht, sich dann über das Herz bis in den Verstand hocharbeitet und unsere Entscheidungen maßgeblich beeinflusst – wenn wir es zulassen. Dieses “Bauchgefühl” ist ein tatsächlich messbarer und nachweisbarer neurologischer Prozess, der in unserem Körper stattfindet. Ehe das Gehirn dazu in der Lage ist, mit fertigen Gedanken auf eine Entscheidungsmöglichkeit zu reagieren, signalisieren uns unsere Nerven, achtsam zu sein und innezuhalten und dem Gehirn Zeit zum Nachdenken zu geben. Es ist wie ein emotionaler Reflex, der durch bestimmte Assoziationen ausgelöst wird und auf unseren Erfahrungen basiert. Diese Fähigkeiten können wir uns zunutze machen, um erfolgreich das Leben zu bestreiten.

Es gilt, Körper und Geist in Einklang zu bringen und zugleich beiden Gehör zu schenken.

Kreativität ist ein Produkt dieser harmonischen Zusammenarbeit aus Verstand und Gefühl:

„Wirklich kreativ werden Menschen erst dann, wenn es ihnen gelingt, ihre in ihren jeweiligen Lebenswelten individuell erworbenen Fähigkeiten, Kenntnisse, Begabungen und Vorstellungen mit denen anderer Menschen zu verschmelzen. Dazu freilich bedarf es der Begegnung und des vertrauensvollen Austausches von Menschen mit möglichst verschiedenen soziokulturellen Erfahrungen.“

(Hüther, 2011: 131f)

Goleman definiert folglich sieben Elemente erfolgreichen Lernens, die Bestandteil der emotionalen Intelligenz sind: Selbstvertrauen, Neugier, Intentionalität, Selbstbeherrschung, Verbundenheit, Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsbereitschaft. (Goleman, 1997: 245)

Meiner Meinung nach ist es längst überfällig, emotionale Intelligenz (EQ) anzuerkennen und ihr gleichberechtigt neben der Förderung des analytischen Intelligenzquotienten (IQ) Platz in sämtlichen Curricula der Bildungsinstitutionen einzugestehen. Studien und Forschung dazu gibt es jedenfalls inzwischen viele. Zeit, der Wissenschaft Gehör zu schenken.

„Mir sind die Hände gebunden!“ – Wie Pädagogen und Eltern vor dem System kapitulieren

Veröffentlicht am 5. Dezember 2018

Nun ist es nichts Neues mehr, dass unser Bildungssystem veraltet, unflexibel und ungerecht ist. Es ist jedem bekannt, dass das System, so wie es jetzt aufgestellt ist, den aktuellen Anforderungen der Gesellschaft nicht mehr gerecht wird. Es ist in sich widersprüchlich und dient vorrangig der Bürokratie anstatt der Bildung. Es entlässt zum Teil psychisch geschädigte, sozial degradierte und dem Lernen grundsätzlich abgeneigte junge Menschen in die Welt. Wer erfolgreich und mit einem guten Abschluss das System verlässt, hat vor allem mithilfe cleverer Strategien das Verfahren bestanden: Wie erziele ich mit dem geringsten Aufwand die beste Bewertung? Wie muss ich mit dem Lehrer umgehen?

Nun sind sich die meisten Menschen einig, dass Schule selten Spaß macht und vielen sogar große Angst.

Da stellt sich doch die Frage, wie es sein kann, wenn wir alle dieses System durchlaufen und wir alle reichlich Kritikpunkte finden, warum das System so auf Dauer nicht mehr funktionieren kann, wieso ändert sich nichts? Wieso tragen jene, die sich nach Abschluss ihrer Schul- und Studienzeit als Pädagogen, Verwalter usw. dauerhaft im System etablieren, nicht zu einer positiven Entwicklung bei? Warum machen alle so weiter wie bisher?

„Mir sind die Hände gebunden.“

„Das ist das System, ich kann nichts dagegen tun.“

„Der Schulleiter möchte das nicht.“

„Die Behörde gibt dafür keine Gelder frei.“

„Die Eltern wehren sich dagegen.“

„Die Schüler sind unmotiviert, die wollen das nicht.“

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Was ist es, das ein System definiert? Sind es seine Ziele? Seine Funktionen? Seine Produkte/Ergebnisse? Seine Prozesse? Seine Mitglieder? – Das System definiert sich durch all diese Komponenten in Summe. Wodurch wird es also gesteuert? Durch das Zusammenspiel all seiner Komponenten. Sind demnach Lehrer, Erziehern, Eltern usw. tatsächlich die Hände gebunden? Ganz sicher nicht! Sie sind eine Komponente des Systems und damit Teil der Steuerung. Sie haben die Möglichkeiten, das System von innen heraus zu verändern. Sie müssen es nur tun.


Welches Ziel verfolgt unser Bildungssystem?

Veröffentlicht am 1. Oktober 2018

Was wünschen wir uns für unser Bildungssystem? Eine zentrale Frage, der jedoch viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Kritische Stimmen zu dem deutschen Bildungssystem sind seit über 50 Jahren laut. Spätestens seit der ersten PISA-Studie hat Deutschland mit seinem Schandfleck Bildung auch international Kritik eingeheimst. Während man in Wirtschaft und Politik mit dem inzwischen veralteten Ruf des Landes voller Erfindergeist wirbt, vergraben sich die Kulturwissenschaftler wehmütig in den Werken international gefeierter deutscher Künstler, die seit Ende des 19. Jahrhunderts keine Nachfolger mehr produzieren konnten.

Deutschland wirbt nach außen hin und gegenüber seinen eigenen Bürgern mit einem Schein von (digitalem) wirtschaftlichen Fortschritt und einer Bildungslandschaft, den alle längst durchschaut haben und von dem sich keiner mehr blenden lässt. Unlängst greifen selbst Grundschüler zum grundlegenden Mittel der Demokratie und veranstalten Demos auf der Straße, um gegen ihre Eltern zu protestieren, die den ganzen Tag nur noch vor dem Bildschirm hängen, anstatt sich mit ihrem Nachwuchs zu beschäftigen. Und wer hat Schuld? Alle außer man selbst. Die Politik ist Schuld. Die Wirtschaft ist Schuld. Der Kapitalismus ist Schuld. Die Lehrer sind Schuld. Das System ist Schuld.

Okay, nun da die Schuldfrage geklärt ist und die Kritiker Massen an Büchern und Artikeln sowie Studien veröffentlicht haben – was kommt als nächstes?

Den Deutschen fällt Veränderung schwer. Sie schreien danach und ihr liebstes Hobby ist das Meckern. Doch wenn ich jemandem gegenüberstehe und ihm zuhöre und er fertig mit Meckern ist und ich ihn dann frage: Und was jetzt? Was willst du dagegen machen? – Dann wissen sie keine Antwort.

Genauso verhält es sich mit unserem Bildungssystem, dem Spiegel unserer Gesellschaft. Immerhin gestalten hier die älteren Generationen jene Institutionen, in denen unser Nachwuchs in dem kulturellen Handwerk unterrichtet wird, welches sie unserer Meinung nach erlernen sollten, um unsere Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Aber was wollen wir eigentlich wirklich? Was für ein Ziel verfolgen wir?

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Darauf weiß keiner eine Antwort. Nicht einmal ein Kultusministerium, wie beispielsweise in Niedersachsen, beantwortet die Mail einer jungen Journalistin/Masterstudentin in Bildungssystemdesign, die danach fragt: Welches Ziel hat unser Bildungssystem? Wie definiert unser Bundesland Bildung? Die Anfrage wird schlichtweg ignoriert, trotz mehrfacher Erinnerung. Ans Telefon geht dort sowieso niemand.

So durchforstet die Journalistin/Studentin also das Schulgesetz. Dort findet sie reihenweise Gesetze, wie Schule organisiert sein soll. Aber welches Ziel hier verfolgt wird? Schule soll „im Anschluss an die vorschulische Erziehung die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage des Christentums, des europäischen Humanismus und der Ideen der liberalen, demokratischen und sozialen Freiheitsbewegungen weiterentwickeln“ (Niedersächsisches Schulgesetz. §2, Absatz 1). Aha. Und was heißt das jetzt im Klartext? Welche Auslegung des Christentums ist gemeint? Wie verstehe ich hier den Begriff des europäischen Humanismus? Was bedeutet liberal, demokratisch und soziale Freiheitsbewegung?

Jeder, der sich das Schulgesetz in Niedersachsen durchliest, wird feststellen, dass es für die Schulen, abgesehen vom organisatorischen Rahmen und Bürokratie, keinerlei klare Zielvorgabe gibt, was Schule erreichen soll. Ein jährlich aktualisierter Lehrplan gibt lediglich vor, welche Inhalte mit den Schülern behandelt werden sollen. Aber die Frage, welches Ziel unser Bildungssystem verfolgt, ist damit nicht beantwortet. Was soll „Bildung“ für unser Land bedeuten? Was soll „Bildung“ für unsere Schüler umfassen?

Bevor also die nächste Reform aus den Reihen der 4-Jahres-Zyklus-Politikern verkündet wird, sollte man sich die grundlegende Frage öffentlich-wirksam stellen und wissenschaftlich erforschen.

Genug gemeckert. An die Arbeit.


Das Instrument der sozialen Selektion – Bildungssystem Deutschland

Veröffentlicht am 4. Juni 2018

Jeder Teenager erfährt diesen Moment im Laufe seiner Schullaufbahn, wenn ihm klar wird, dass das Bildungssystem alles andere als gerecht gegenüber seinen Schülern ist. Er steht dann vor einer schwierigen Entscheidung: Passe ich mich an oder steige ich aus?

Die hohe Zahl an Schulabbrechern in Deutschland sowie die Daten der PISA-Studien, die belegen, dass die soziale Herkunft nach wie vor maßgeblich für den schulischen Erfolg ist, beweisen, dass im Bildungssystem Deutschland alles andere als Gerechtigkeit herrscht:

Wo Schüler „Stoff pauken“ anstatt zu lernen; wo die Noten wichtiger sind als die persönliche Entwicklung; wo der Abschluss mehr aussagt als ein Charakterzeugnis; wo die finanziellen Mittel des Elternhauses über die ideale Förderung entscheidet; wo weder Lehrer noch Schüler die Schule wählen können, die zu ihnen passt, sondern „zugewiesen“ werden; wo „Leistung“ (anstatt Entfaltung) als oberstes Ziel deklariert wird; da kann weder von Gerechtigkeit, noch von Bildung die Rede sein.

Wenn im Grundgesetz steht „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und Rechte zur individuellen und freien Entfaltung formuliert sind, wenn dort verankert ist, dass jeder „ein Recht auf Bildung“ hat, wie kann es dann sein, dass dieses Recht nicht erfüllt wird?

Meine These dazu lautet: Die Gesellschaft verwechselt den Begriff der „Gleichberechtigung“ mit dem Begriff der „Gleichheit und Vergleichbarkeit“. Die Konsequenz aus dieser Haltung ist, dass Schule kein Instrument der Bildung, sondern des Vergleichs und damit der Selektion ist. Ihr wichtigstes Mittel an dieser Stelle ist die „Leistungsbeurteilung“ (umgangssprachlich: Note). Indem man nach „Gleichberechtigung“ (tatsächlich aber nach „Gleichheit“) strebt, wendet man das „objektive“ (obwohl jeder weiß und alle Studien beweisen, dass es höchst subjektiv und allenfalls eine Schätzskala repräsentiert) Mittel der Note einsetzt, um vermeintliche Vergleichbarkeit herzustellen und damit Chancengleichheit zu suggerieren. Man behauptet, die Maßstäbe der Beurteilung seien objektiv und damit habe jeder Schüler dieselben Chancen auf Erfolg.

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Doch Studien, und der allgemeine gesunde Menschenverstand, konnten diese Farce schon längst entlarven. Die Note beurteilt nicht die Leistung eines Schülers, nicht seine Mühen und Anstrengungen, sondern lediglich, ob er zu einem gewissen Zeitpunkt eben das Wissen besitzt, dass der Lehrer zur Abfrage ausgewählt hat. Die Note misst nicht etwa das individuelle Können des Schülers. Sie ordnet lediglich seine Leistung auf einer Skala ein, die sich im Vergleich mit seinen Mitschülern aufstellt. Dieser Vergleich ist weder objektiv, noch überregional. Er findet innerhalb eines Klassenverbands, höchstens noch innerhalb eines Jahrgangs statt. Hat er das Pech, dass in seinem Jahrgang ein hochbegabter Schüler sitzt, erhält er dort die Note drei, während er in einem anderen Jahrgang, wo es keinen hochbegabten Schüler gibt, im Vergleich die Note zwei erhalten hätte.

Diese Einschätzungen sind nicht an den Haaren herbeigezogen. Sie sind in der Fachliteratur und sämtlichen Studien zum Thema Leistungsbeurteilung in der Schule nachzulesen. Warum also wird an diesem Mittel festgehalten, wenn es doch so offensichtlich seine Aufgabe, nämlich der objektiven Messung, nicht erfüllen kann?

Die grundlegende Einstellung ist das Problem. Wer nach Leistung fragt und nicht nach Bildung strebt, wer Gleichberechtigung mit Gleichheit verwechselt, wer Vergleichbarkeit anstatt Individualität sucht, der wird niemals Gerechtigkeit erfahren.


Bildung ist nicht konsumierbar

Veröffentlicht am 19. April 2018

Wann haben wir damit begonnen, Bildung als ein Konsumgut zu betrachten? An welchem Punkt wurde der Mensch zu einer Ressource? Wann entwickelte sich das Subjekt zu einem Objekt?

Sicher ist es schwer, die Anfänge dieses Netzwerks an Überzeugungen zurückzuverfolgen, doch das es da ist, ist unübersehbar. Ist es deshalb auch wünschenswert? Wollen wir, als Menschen, auch als Ressourcen bezeichnet werden? Ist dies nun die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens? Nämlich der Wirtschaft zu Nutze zu sein?

Ich weiß nicht, wie es anderen bei diesem Gedanken geht, aber in mir sträubt sich alles dagegen. Mein Herz verkrampft sich und mein Magen füllt sich mit Steinen. Alles in mir schreit: das ist nicht richtig! Das bin ich nicht!

Und doch wird es mir von den Strukturen, die unsere Gesellschaft aufgebaut hat, vermittelt. Schon immer haben wir uns selbst in Kategorien eingeteilt. So arbeitet unser Gehirn, so ist unsere Natur. Wir sind Kinder, Eltern, Schüler, Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Kunden, Versicherungszahler usw. Es ist nichts Schlimmes daran, zu kategorisieren. Damit machen wir uns das Leben einfacher. Doch an welchem Punkt ist die Grenze erreicht? Wann führt die Vereinfachung zur Entmenschlichung?

Jeder Wissenschaftler wird mir zustimmen, wenn ich sage, unsere Fähigkeit des lebenslangen Lernens hat uns an die Spitze der Evolution gebracht. Diese Fähigkeit ist es, die uns von den anderen Lebewesen wesentlich abgrenzt. Lebenslanges Lernen ist Teil des Begriffskonstrukts „Bildung“. Wir werden nicht gebildet, wir bilden uns selbst. Wir bilden uns nicht allein durch das Erlernen von Wissen. Lernen ist Teil der Bildung. Bildung entsteht aus der Reflexion des Wissens. Dies geschieht in uns und ist ein höchst individueller Prozess.

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Ist Bildung konsumierbar? Wir können Wissen konsumieren. Wir können das Wissen, dass uns Lehrer, Professoren usw. anbieten, konsumieren. Der Konsum von Wissen allein macht uns deshalb nicht gebildet. Er macht uns nur wissend. Das Internet ist auch wissend. Ist das Internet auch gebildet?

Anhand der Überschrift dieses Artikels ist meine Antwort auf diese Frage eindeutig. Doch ich möchte es jedem selbst überlassen, sich diese Frage anhand der eigenen Gedanken zu beantworten und dabei tief in sich hinein zu horchen und auch wahrzunehmen, wie es sich anfühlt. Wie fühlt es sich an, wenn man sich selbst als ein Konsumgut bezeichnet?


Die Furcht vor Veränderung

Veröffentlicht am 12. Januar 2018

Im 21. Jahrhundert postuliert die Öffentlichkeit die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft. Getrieben von den täglichen Innovationen aus Wissenschaft und Technik, sieht sich die Bevölkerung einem Druck ausgesetzt, sich täglich weiterzuentwickeln, um nicht abgehängt zu werden. Doch Tatsache ist, dass dieser äußerliche Impuls falsch interpretiert wird. Veränderung bedeutet nicht, dass man jeden Tag schneller und weiter kommen muss, um immer mehr Leistung in immer kürzeren Zeiträumen zu generieren.

Ein Blick in die Natur, von der wir uns verzweifelt abzugrenzen versuchen, wo wir doch so tief mit ihr verankert sind, zeigt uns, was Veränderung wirklich bedeutet. Der Planet hat sich über Milliarden von Jahren stetig verändert. Von einem überhitzten Feuerball zu einem blühenden blauen Planeten. Dabei hat er sich keineswegs schneller gedreht.

Die Tier- und Pflanzenwelt verändert sich einerseits in biologischer Hinsicht und andererseits ändert sie ihre Verhaltensmuster, um sich der Umwelt laufend anzupassen. Dabei beeinflusst sie die Umwelt ebenfalls. Eine ununterbrochene Wechselwirkung. Eine Symbiose.

Die Menschheit läuft davon. Wovor sie davon läuft, weiß keiner. Doch die westliche Gesellschaft zeigt deutlich, dass sie die Impulse aus ihrer Umwelt täglich falsch interpretiert. Veränderung bedeutet nicht schneller und weiter. Veränderung bedeutet Anpassung. Anpassung geschieht durch lernen. Und der Mensch hebt sich nicht von der Tierwelt ab, indem er Werkzeuge baut. Der Mensch hebt sich ab, weil er nicht nur lernen, sondern sich auch bilden kann. Er kann sich in Selbstwirkung aus eigenem Antrieb heraus in seinen Werten und seinem Verhalten weiterentwickeln. Der Motor hinter dieser Bildung ist die Kommunikation. Der Mensch hebt sich von der Tierwelt darin ab, dass er nicht nur über non-verbale und verbale Sprache kommuniziert, sondern auch mithilfe von Symbolen. Und die Bedeutung dieser Symbole werden ständig neu ausgehandelt im Laufe der Jahrzehnte. Das ist die Veränderung, die uns weiterbringt.

Doch die Fehlinterpretation der Impulse aus der Umwelt führt zu einem Wettlauf. Höher, schneller, weiter. Wer diesem unnatürlichem Weg folgt, wird krank. Dabei steckt er seine Umwelt mit an. Der Mensch wird krank, seine Umwelt wird krank, der Planet wird krank.

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Das deutsche Schulsystem ist ein Sinnbild dieser Fehlinterpretation von Veränderung. Geboren aus der industriellen Revolution, einer produktorientierten Haltung und getrieben von dem Glauben an allgemeinen wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, ist das Schulsystem vor allem Selektionssystem. Der Schüler durchläuft von der ersten Klasse an Verfahren, die ihn nicht bilden, sondern ihn kategorisieren. Gemessen an der Menge an Informationen, die er Speichern und auf Abruf wiedergeben kann, wird er auf dem Industrieband der Schule von einem Jahr ins nächste getragen und ggfls. zurückgestuft, bis er mit einem Zertifikat versehen, dass ihn auf einem an Höher, Schneller, Weiter orientierten Maßstab kennzeichnet, in die Welt entlassen und soll nun den Arbeitsmarkt bereichern.

Doch der Arbeitsmarkt verlangt schon seit Jahrzehnten keine jungen Menschen mehr, die lediglich Wissen auf Abruf bereithalten. Schon in den neunziger Jahren haben Wissenschaftler aus Wirtschaft und Pädagogik erklärt, dass das Schulsystem nicht mehr den Anforderungen der Gesellschaft entspreche. Wir leben nicht mehr nach industriellen Standards. Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft die Individualität und Kreativität verlangt. Und diese entsteht nicht durch Lernen von Wissen, sondern durch Bildung und Kommunikation.

‚Aber wie?‘ fragt die Politik, während sie ihr Sitzfleisch in die Stühle bohren und sich auf ihren Renten ausruhen. ‚Reform!‘ schreit die Wissenschaft und die Bevölkerung nickt zustimmend. ‚Das bedeutet Arbeit, das bedeutet Investitionen, das bedeutet einen Prozess in Gang zu bringen, der länger als eine Wahlperiode dauert. Das machen wir nicht.‘ lautet die Antwort aus der Politik, wobei sie diese in einer Fülle von Ausreden und vermeintlichen Studienergebnissen verstecken.

In den neunziger Jahren erklärte man das Schulsystem als veraltet und nicht mehr den Anforderungen der Gesellschaft entsprechend. Zwanzig Jahre später hat sich nichts verändert.