Buchempfehlungen

Im Sinne meiner Forschung und Arbeit als Bildungssystemdesignerin gibt es einige Bücher, die mich auf meinem Weg ständig begleiten und maßgeblich inspirieren. Diese Bücher möchte ich dir hier vorstellen.


“Würde – Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft” von Gerald Hüther

In seinem Buch “Würde” beschäftigt sich Gerald Hüther mit der Frage, was ein Leben in Würde ausmacht. Dazu setzt er sich zunächst mit dem Begriff der Würde in seinen kulturellen und historischen Kontexten auseinander. Er stellt die These auf, dass ein Mensch, der im Bewusstsein seiner Würde lebt, nicht würdelos handeln kann und in seiner Würde unantastbar ist.

In meiner Masterarbeit (“Von der Gesellschaft des Habens zur Gesellschaft des Seins”) habe ich diese These erweitert: Die Würde eines Menschen ist dann unantastbar, wenn er ausschließlich von Menschen umgeben ist, die sich ihrer Würde bewusst sind.


“Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft” von Erich Fromm

Erich Fromm ist leider für die jüngeren Generationen (wie meiner) in Deutschland ein unbekannter Philosoph, da er keinen Raum in den Lehrplänen der Schulen mehr einnimmt. Umso dankbarer war ich, in meinem Masterstudium auf ihn zu treffen. Sein Buch “Haben oder Sein” inspirierte mich sehr. Ich erfuhr die gesellschaftlichen Zusammenhänge von Leistungsprinzipien und Identitäten. Trotz der düsteren Aussichten, die Fromm der Leistungsgesellschaft ausstellt, schafft er es mit seiner Darstellung des Lebens im Sein Hoffnung zu streuen.

In meiner Masterarbeit verknüpfte ich die Theorie von Hüthers Würdebegriff und Fromms Seins-Mensch zu der Erkenntnis, dass ein Leben im Sein die Voraussetzung für ein Leben in Würde ist.


“Emotionale Intelligenz” von Daniel Goleman

In seinem Buch “Emotionale Intelligenz” formuliert Daniel Goleman die Theorie hinter diesem Begriff. Mithilfe der Neurowissenschaft stellt er die Zusammenhänge zwischen rationalen Entscheidungsprozessen und Emotionen her. Je ausgeprägter die emotionale Intelligenz, desto erfolgreicher gestalten sich Lernprozesse. Meiner Meinung nach sollte in Bildungshäusern die Förderung emotionaler Intelligenz einen größeren Fokus erfahren, als sie aktuell erfährt. Nicht zuletzt strebe ich eine Ausgeglichenheit von emotionaler Intelligenz (EQ) und rationaler Intelligenz (IQ) an. Denn beide sind voneinander abhängig und beeinflussen sich gegenseitig.

Gerade in Zeiten der künstlichen Intelligenzen ist es die emotionale Intelligenz, nachweislich ein entscheidender evolutionärer Vorteil, der uns besonders ausmacht.


“Die fünfte Disziplin – Kunst und Praxis der lernenden Organisation” von Peter M. Senge

Wie schafft man Raum zur freien Entfaltung innerhalb der Strukturen einer Organisation, die auf bestimmte systemische Regeln angewiesen ist? Wie kann man gleichzeitig Stabilität und Flexibilität garantieren?

Mit seinem Modell der fünften Disziplin bietet Senge fünf Strategien, die, wenn man sie alle gleichsam beherrscht, eine lernende Organisation ermöglichen. Personal Mastery, mentale Modelle, Teamlernen, gemeinsame Vision und Systemdenken heißen diese Strategien. Am Ende steht eine lernende Organisation.

Kommt dieses Modell in einem System (einer Organisation) zur Anwendung, also wird es fest in den Strukturen implementiert, dann entstehen die nötigen Räume zur freien Entfaltung der Persönlichkeit. Senges fünfte Disziplin kann auch mit anderen Modellen kombiniert werden, wie z.B. mit Frederic Vesters Regeln der Biokybernetik (siehe unten).


“Die Kunst vernetzt zu denken” von Frederic Vester

Systemisches/ Vernetztes Denken ist dem Menschen angeboren. Unser Gehirn möchte nicht linear denken. Unsere Neuronen sind auf komplexe Weise miteinander verknüpft. Diese Verknüpfungen verlaufen nicht in geraden Linien. Und das ist gut so. Denn das ermöglicht uns Kreativität und Innovationskraft. Wir sehen Zusammenhänge. Wir erkennen Muster.

Dieses uns angeborene vernetzte Denken spiegelt die Komplexität unseres Universums wieder. Linearität ist hier schlichtweg nicht anwendbar. Diesen Umstand erläutert Vester in seinem Buch sehr anschaulich. Er leitet aus der Komplexität des Ökosystems die Grundregeln der Biokybernetik ab.

Wendet man diese Regeln auf ein System an, erhält man garantiert Stabilität durch Flexibilität. Dazu gehört der Mut, die eigenen Denkstrukturen zu verändern. Schließlich wurden wir entgegen unserer Natur zur Linearität erzogen. Doch am Ende stehen unverhoffte Erkenntnisse.


“Jedes Kind ist hoch begabt” von Gerald Hüther und Uli Hauser

Mit dieser These habe Hüther und Hauser bereits viel Kritik geerntet. Auch ich habe diesen Gegenwind gespürt, als ich mutig seine These im Social Media zitierte. Der Vorwurf: Hochbegabung ist und bleibt wenigen Menschen vorbehalten und wenn man das in Frage stellt, raubt man diesen Menschen die Unterstützung, die sie benötigen.

Ich stimme darin überein, dass Hochbegabung aktuell tatsächlich wenigen Menschen vorbehalten bleibt. Das ist aber kein Ergebnis natürlicher Selektion oder eines genetischen Würfelspiels. Es ist die Konsequenz einer Gesellschaft, in der rigoros selektiert und ausgegrenzt wird, aufgrund festgelegter Maßstäbe, die eine Hochbegabung definieren. Dass diese Maßstäbe selbst von Menschen geschaffene Konstrukte sind, wird dabei gerne übersehen.

Hüther und Hauser erklären anhand neurowissenschaftlicher Erkenntnisse, dass jeder Mensch das Potenzial besitzt, eine Hochbegabung zu entwickeln. Dabei stellen sie klar, dass sich Hochbegabungen auf sehr vielfältige Weise ausdrücken können. Doch in unserer Gesellschaft wird lediglich ein sehr enges Fenster in den Blick genommen. Außerdem können die meisten Menschen deshalb keine Hochbegabung entwickeln, weil sie das Pech haben unter ungünstigen Umständen aufzuwachsen und keine Räume haben, ihre Potenziale zu entfalten.

Meiner Meinung nach bestärken Hüther und Hauser das Prinzip von wahrer Chancengleichheit. Das Buch ist ein richtiger Augenöffner.


“Kinder sind anders” von Maria Montessori

Das Programm dieses Buchs steckt bereits im Titel. Montessori steht für ihre Pädagogik gleichsam in Lob und Kritik. Die von ihr verlangte Freiheit wird von vielen gefürchtet. Diese Furcht und Kritik begründet sich meiner Meinung nach auf mangelndem Verständnis und Kenntnis ihrer Thesen. Keineswegs spricht Montessori, wie von vielen behauptet, von zügelloser Freiheit des Kindes. Vielmehr geht es in ihrer Pädagogik um Räume zur Selbstwirksamkeit.

Sie stellt klar, Kinder sind anders als Erwachsene. Sie haben andere Bedürfnisse. Und die Erwachsenen haben die Verantwortung, auf diese Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen, anstatt die Kinder dahin zu erziehen, sich den Bedürfnissen der Erwachsenen anzupassen. Es geht ihr um einen Umgang auf Augenhöhe, um ein gleichberechtigtes Lernen voneinander. Das Kind ist anders. Und es ist ein Quell voller Potenziale und Möglichkeiten, die es zu erkennen und zu fördern gilt.


“Freiheit und Grenzen – Liebe und Respekt” von Rebeca Wild

Wie schaffe ich es, die Balance zwischen Freiheit und Grenzen zu halten? Wie kann ich meinem Kind sowohl Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen, als auch die Bedingtheit des Lebens lehren?

Auf diese schwierigen Fragen bietet Wild anhand anschaulicher Beispiele die nötigen Antworten. Grenzen sind Teil des Lebens. Das Leben ist begrenzt. Dies zu akzeptieren ist der erste Schritt. Dass Kinder unsere Hilfe brauchen, diese Grenzen zu erkennen, ist der zweite Schritt. Grenzen nicht mit Strafen und Lob zu begleiten, ist der dritte Schritt. Liebe und Respekt sind dafür die Voraussetzungen. Wild und Montessori bieten dabei viele Anknüpfungspunkte.

Für mich erschien Wilds Buch wie eine praktische Anleitung zu Montessoris Philosophie.