Kurzgeschichten

Hier findest du Leseproben bzw. komplette Skripte meiner bisher veröffentlichten Kurzgeschichten.

Viel Spaß beim Lesen!

Madita Heubach über Rudolf Appel – Jahrgang 1937

In: Untold Stories – Lebenserinnerungen aus dem zweiten Weltkrieg

Die vollständige Geschichte ist in der Anthologie mit dem oben genannten TItel erschienen und auf Amazon als Taschenbuch oder E-Book erhältlich. Die Einnahmen für den Verkauf fließen zu 100% in die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft

Leseprobe:

Ich möchte die Geschichte meines Opas Rudolf Appel erzählen, der im Zweiten Weltkrieg seine Heimat verloren hat, als er mit sieben Jahren aus Schlesien flüchten musste.

Im Januar 1945 drohte seiner Heimatstadt Neiße in Oberschlesien die Bombardierung. In eisiger Kälte und tiefem Schnee flüchtete er mit seiner Familie ins Gebirge. In Scheunen und bei Bekannten fanden sie Unterschlupf. Von den Bergen aus mussten sie mit ansehen, wie die Bomben auf Neiße fielen. Die Häuser und Straßen wurden in Schutt und Asche gelegt. Dann kam die Front. Erst die deutschen Soldaten auf dem Rückzug, dann die sowjetischen auf dem Vormarsch.

Sogleich nachdem der Krieg beendet war, machten sie sich auf den Weg nach Hause. „Es lag eine unheimliche Stille über dem Land, kein Geschützdonner mehr, kein Flugzeuglärm mehr. Überall zerstörte Häuser, kaputtes Kriegsgerät und vor allem immer wieder tote Soldaten und verendete Tierkadaver. Strenger Leichengeruch, Verwesungsgeruch durchzog die Luft“, erzählt er bei einem Gedenkgottesdienst seine Geschichte.


Das Lied der Harzer Wälder

In: Und dann ist das Kaninchen gestorben: Kurzweilige und tiefsinnige Geschichten und Gedichte von Harzer Autoren

Die vollständige Geschichte ist in der Anthologie mit dem oben genannten Titel beim Geest-Verlag erschienen und im Buchhandel als Taschenbuch erhältlich.

Leseprobe:

Es war einmal an einem verregneten Tag in den Wäldern im verträumten Harz. Ein Mädchen lebte dort in einer bescheidenen Hütte unter den Bäumen. Tag ein, Tag aus begann sie mit einem Frühstück aus frischen Beeren, die sie stets von den Waldsträuchern zu sammeln pflegte. Dann öffnete sie alle ihre Fenster und ließ die reine Luft der von Nadelhölzern bedeckten Berge hinein. Sie lauschte dem Gesang der Vögel am frühen Morgen und kehrte den Staub der Nacht hinaus. Sobald die Sonne über die Baumwipfel gestiegen war, legte sie sich einen Schal über die Schultern und einen Korb über den Arm und machte sich auf den Weg.

Mit nackten Füßen und auf leisen Sohlen spazierte sie über das Moos des Waldbodens. Hie und da blieb sie stehen, bückte sich hinab und atmete den Duft einer Waldblume ein. Manchmal beobachtete sie auch einen Schmetterling, der zwischen den Stämmen der Bäume hindurchflatterte. An jedem Strauch pflückte sie sich eine Handvoll frischer Beeren für das morgige Frühstück. Wenn sie einen besonders großen Pilz entdeckte, landete auch dieser in ihrem Korb. Die Kleinen ließ sie in Ruhe wachsen, diese würde sie ein anderes Mal mitnehmen. Auch gute Kräuter wanderten in ihren Korb und sollten für die nächste Mahlzeit die gewisse Würze bringen.


Heimatlos

Von Madita E. Heubach

Mein Geschwisterchen tritt mich mit seiner Pfote. In meiner Empörung gebe ich ein ziependes Mauzen von mir. Meine Mama beginnt zu schnurren und es kehrt wieder Ruhe ein. Eingekuschelt zwischen ihrem warmen Bauch und meinen Geschwistern schlafe ich schnell wieder ein.

Plötzlich greift eine große Hand nach mir und hebt mich hoch. Verschlafen öffne ich die Augen und finde mich in einem Karton wieder. Meine Geschwister neben mir protestieren müde mit ihren Pfoten. Ich höre meine Mutter fauchen und ich rufe nach ihr, aber sie kann mich nicht erreichen. Der Karton hebt sich in die Höhe und schaukelnd werden wir davon getragen. Außer dem grimmigen Gesicht des Menschen und seinen dicken Fingern, mit denen er den Karton umklammert hält, kann ich nichts sehen. Meine Geschwister jammern. Ich zittere stumm vor Angst.

Ein kalter Windstoß zaust durch mein Fell, als wir nach draußen gehen. Es ist dunkel. Ich rieche Regen. Der Mensch stellt uns in einen kleinen Raum und schließt die Tür. Dann höre ich eine weitere Tür auf- und zugehen und ein kurzes Stottern, gefolgt von einem tiefen Brummen ertönt. Wieder ruckelt es unter uns und ich kann durch das Fenster sehen, wie verschwommene Schatten an uns vorbeiziehen. Wir bewegen uns. Aber ich weiß nicht wohin.

Meine Geschwister sind inzwischen verstummt und wir kuscheln uns aneinander, als das Brummen aufhört und sich die Tür wieder öffnet. Der Mensch hebt den Karton hoch und kurz darauf setzt er uns wieder ab. Dann verschwindet er aus meinem Blickfeld. Meine Geschwister fangen erneut an zu jammern und dieses Mal jammere ich mit ihnen. Ich habe Hunger und mir ist kalt und ich weiß nicht wo ich bin.

Es fängt an zu regnen. Schnell ist mein Fell durchnässt. Auch meine Geschwister zittern in der Nässe und Kälte. Wir sind wieder verstummt und kuscheln uns aneinander, in der Hoffnung auf etwas Wärme. Über uns rascheln Bäume im kalten Wind. In der Ferne höre ich ein grausiges Heulen. Wo ist meine Mama?

Als ich die Augen öffne, erschöpft, hungrig und müde, höre ich meine Geschwister plötzlich schreien. Ich schrecke auf. Über uns hängt der Kopf eines Fuchses. Seine dunklen Augen funkeln gefährlich. Ich fauche und sträube mein Fell. Aber der Fuchs lässt sich davon nicht beeindrucken. Mit gefletschten Zähnen stößt er hinab und der Karton kippt zur Seite. Ich kratze ihn und fauche. Doch es ist zu spät. Meine Geschwister sind weg. Geraubt von dem Untier. Ich bin ganz allein in der Kälte. Mein Fell ist nass und ich zittere unkontrolliert in der Dunkelheit.

Ich tapse in die hinterste Ecke des Kartons und spähe hinaus. Alte Bäume heben sich bedrohend in die Höhe, die Kronen raschelnd, die Äste ächzend. Fahles Sonnenlicht zeichnet sich am Horizont ab. Es hat aufgehört zu regnen. Ich habe so schrecklichen Hunger!

Ein Duft streift meine Nase. Meine Glieder regen sich. Ich folge dem Duft und tapse hinaus in die Fremde. Meine Pfoten sind müde und fühlen sich wund an auf dem Asphalt. Mein Fell ist verklebt von dem Regen und Speichel des Fuchses. Ich bin so müde. Aber ich habe so einen Hunger!

Bald rücken die Bäume zur Seite und machen den Häusern der Menschen Platz. In einem von ihnen habe ich gestern noch friedlich geschlummert, gekuschelt an meine Mama. Ich vermisse sie so schrecklich. Und meine Geschwister auch! Was soll ich bloß tun?

Meine Nase führt mich. Bald stoße ich auf die Quelle des Dufts. Essen. Es schmeckt nicht gut und ist halb verdorben. Aber ich esse alles auf und bald kehrt etwas Kraft in meine Pfoten zurück. Ich habe schrecklichen Durst und tapse zu einer nahen Pfütze, um ihn zu stillen.

Die Sonne ist inzwischen aufgegangen und wirft ihre wärmenden Strahlen auf mein Fell. Ich lege mich einen Moment auf den Asphalt und ruhe mich aus. Meine Augen fallen schnell zu. Doch ein Quietschen und lautes Röhren lässt mich aufspringen. Etwas Schwarzes trifft mich hart in den Bauch und wirft mich zu Boden. Einen Moment liege ich da wie betäubt. Dann überfällt mich ein Brennen und Ziehen, ausgehend von meinem Bauch und breitet sich über meinen ganzen Körper. Ich kann mich nicht mehr bewegen.

Viele Brummer rauschen an mir vorbei. Über mir kreisen die Krähen. Neben mir summen die Fliegen. Die Sonne sticht mir in die Augen, also schließe ich sie. Bis mich erneut eine Hand berührt und ich vor Angst die Augen aufreiße. Ein klägliches Fauchen entfleucht meiner trockenen Kehle.

Doch diese Hand ist sanft und warm. Ich spüre, wie Trost von ihr ausgeht und mein Herz erfüllt. Sie streichelt mich und mein Herzschlag beruhigt sich. Meine Augen finden das Gesicht zu der Hand. Freundliche Augen schauen besorgt zu mir herab. Dann werde ich vorsichtig hochgehoben und in den Armen dieses Menschen davon getragen. Dieses Mal bin ich zu müde, um Angst zu fühlen. Und diese Hände strahlen solch einen Trost aus, dass mir das Herz ganz schwer wird.

Hier ist es warm und hell und weich. Meine müden Pfoten ruhen auf einem sauberen Kissen. Mein schwerer Kopf ruht auf einem tröstenden Schoß. Mein Bauch tut nicht mehr weh. Er ist gefüllt mit leckerem Essen.

Diese trostreichen Hände streicheln mich sanft. Eine wohltuende Stimme spricht zu mir voller Liebe und Zuneigung. Wenn ich weinen könnte wie die Menschen, würde ich mein Herz ausschütten. Stattdessen entweicht mir ein tiefes Schnurren der Dankbarkeit.

Ich wurde gerettet.


Eine Kurzgeschichte für zwischendurch

Von Madita E. Heubach

Liebes Tagebuch,

ich mag den Dienstag, denn Dienstag habe ich immer Biologie in der Schule. In Bio beschäftigen wir uns vor allem mit Tieren, denn meine Lehrerin ist ein großer Fan von Löwen, Tigern, Vögeln und überhaupt allen Tieren. Sie hat gesagt, sie möchte nicht, dass sie vergessen werden, denn sie waren einst überall auf der Welt. Im Frühjahr wurden die Menschen von dem Gesang der Vögel geweckt, hat sie gesagt. Im Sommer summten die Bienen durch den Garten und Schmetterlinge zeigten ihre schönen Flügel und wenn man andere Länder besuchte, zum Beispiel Südafrika, hat meine Lehrerin erzählt, konnte man mit einem Auto durch das Land fahren und dabei Löwen und Giraffen sehen. Heute können wir das nur noch in Zoos, und wenn sie das sagt, wird meine Lehrerin immer sehr traurig. Ich habe sie vor vielen Wochen gefragt, warum wir die Tiere nur noch in Zoos sehen können. Sie hat mir gesagt, dass sie in der freien Natur nicht überleben können. Aber warum nicht, fragte ich. Sie sagte, weil sie dort keinen Platz mehr haben und kein Futter mehr finden. Wieso ist das so? Früher gab es doch auch Tiere in der Natur, habe ich gefragt. Ja, früher, sagte meine Lehrerin dann und sah dabei wieder sehr traurig aus. Früher gab es viel mehr Bäume, wild wachsende Wiesen und überhaupt viel weniger Häuser, Straßen und Menschen. Da hatten die Tiere noch Platz. Heute hat der Mensch den ganzen Platz beansprucht. Nur die Tiere, die dem Menschen Fleisch, Eier und Milch liefern, haben noch Platz auf den Wiesen. Und nur Haustiere bekommen so viel Aufmerksamkeit von den Menschen. Und wenn wir den Tieren wieder ihren Platz zurückgeben, fragte ich und wollte meine Lehrerin aufmuntern. Doch sie blieb weiter traurig, denn sie sagte, das sei unmöglich. Viele Tiere gibt es nicht mehr und wir können sie nie wieder zurückholen. Das machte mich dann auch sehr traurig.

Deshalb mag ich Bio so gern in der Schule. Dann kann ich auf Bildern in den Büchern all die schönen Tiere bewundern und wenn ich aus dem Fenster gucke, stelle ich mir dann vor, dass die Vögel in den Bäumen sitzen und zwitschern und dass die Bienen summen und die Schmetterlinge ihre schönen Flügel zeigen. Es macht Spaß, sich das vorzustellen. Doch wenn der Unterricht vorbei ist und ich nach Hause gehe und keine Tiere sehen kann, werde ich wieder traurig, genau wie meine Lehrerin.

Deine Lilly